Gekaufte Wissenschaft

Als kleines bescheidenes Watchblog hat man es ja nicht immer leicht. Rund um das eigene Objekte des Aufruhrs gibt es nicht immer was, das es wert wäre, es zu berichten. Und ständig das Selbe schreiben, bereitet zwar uns immer wieder erstaunlich viel Freude, könnte aber bei der einen oder anderen geneigten Leserin zu Redundanz- und Irrelevanzunterstellungen führen. So zumindest unsere antizipativen Gedanken.

Glücklicherweise tauchen rund um Leipzigs Aushängeschild dann doch regelmäßig neue Figuren und Akteure auf, die aufgrund der Chuzpe, mit der sie RB-Affirmation betreiben, sich förmlich selbst die Einladung schreiben, um hier mal namentliche Erwähnung zu finden. Als besonderes Organ der legitimierenden Einlullung der Stadtgesellschaft in Bezug auf ihr gar nicht mehr so neues Fetischobjekt hat sich in den letzten Monaten die HHL, Leipzig selbsternannte elitäre “graduate school of management”, hervorgetan. Wie die LVZ eilfertig verkündete (der Kicker bspw. berichtete aber auch), erhielten die Fußballveranstalter vom Cottaweg vergangene Woche mal wieder “Bestnoten von den Wirtschaftsexperten”, die in Spuckweite zum Zentralstadion residieren.

Wissenschaft als Werbekanal

Der Bericht überschlägt sich bereits in den ersten Zeilen. RB stelle “Kapitalismus von seiner besten Seite dar”.  Während man sich noch fragt, ob damit das Trainingszentrum im Naturschutzgebiet oder die kapitalisierte Jagd auf Jugendtalente im gesamten Bundesgebiet gemeint sind, darf Studienleiter Timo Meynhardt schon konkretisieren: “Der Fußball-Klub habe faktisch die Region wachgeküsst.” Das ist nichts neues, wir hatten hier schon an anderer Stelle festgehalten, dass eine Tollfindstrategie ja vor allem darüber läuft, RB Leipzig auf das umsatzstarke Unternehmen zu reduzieren, das es ist, und sich an den wirtschaftlichen Folgeeffekten für den städtischen Tourismus und die Kneipen in Stadionnähe zu freuen. Klasse!

Foto: Eric Wüstenhagen | CC BY-SA 2.0

Neu ist, dass nun als weiterer Kanal der Klarstellung dessen, dass RB Leipzig in keinem Fall etwas Schlechtes sein könne, die Wissenschaft bemüht wird. Klar: Was die Wissenschaft rausfindet, muss natürlich stimmen und ist folglich wahr. Ende der Diskussion. RB tut uns allen gut! Dabei überrascht die Renitenz, mit der verschiedene von HHL beschäftigte Professoren als RBL-Apologeten auftreten. Wenn man einmal als Experte vor eine Mikro geschleift wird und dort unvorsichtig eigene Meinung mit der professionellen Rolle und dem wissenschaftlichen Anspruch auf Unabhängigkeit verquickt – geschenkt. Aber die Häufung, in der die HHL als Fürsprecherin von RB Leipzig in die Öffentlichkeit auftritt, ist schon auffällig. (Hier etwa)

Eine Studie, um die Zweifler zu überzeugen

Ein Blick in die zehn mauen Seiten (hier die Kurz-Kurzversion), in der mit einer “innovativen, non-normativen Befragungstechnik” erzielten Befunde aufgeschrieben sind, verrät, dass es mit dem “Non-normativen” nicht so weit her ist. Wer schon allein die “Kernaussage der Studie” auf ihren dahinter liegenden Aussagegehalt befragt (keine Sorge, machen wir jetzt nicht in extenso), der muss sich wundern, ob er es mit einer wissenschaftlichen Studie oder mit einer gekauften Werbeseite im Handelsblatt zu tun hat.

Der Public Value des RB Leipzig, S. 2

Nicht nur, dass man sich fragen muss, welche Buzzwords der Managementlehre in diesen drei Zeilen eigentlich nicht gefallen sind. Es stellen sich die Fragen, welche Gesellschaft hier eigentlich gemeint sein soll, was ‘voranbringen’ bedeutet und was die kulturellen, sozialen und politischen Ressourcen sein sollen, von denen hier großspurig die Rede ist. Gut, die politischen Ressourcen sind schnell ausgemacht. Da ist beispielsweise Burkhardt Jung, der ja ohnehin nicht mehr zu bremsen ist bei seinen Oden auf RB Leipzig – und nun auch einen der “Experten” darstellt, die für die “Studie” befragt wurden. Keine Pointe. Überhaupt ist die Liste derer, die über den “public value” von RB Leipzig Auskunft geben sollen, sehr … äh, speziell.

Der Public Value des RB Leipzig, S. 6

Wie schnell auffällt, hat Prof. Meynhardt seine ganze wissenschaftliche Kompetenz aufgefahren und (fast) ausschließlich Sympathisanten und direkt Involvierte befragt. Eigentlich Wahnsinn. Da nützt auch das Feigenblatt Christoph Biermann (@chbiermann) vom Magazin 11Freunde nichts, die nicht als die größten Freunde des Fußballinvestmentstandorts Leipzig gelten. Ansonsten durften Sponsoren, Fanvertreter, geneigte Journalisten (@mmachowecz,@HandballKurti), Vertreter der lokalen und regionalen Sportverbände, die sich, als es darum ging, als Steigbügelhalter des Projektes RB Leipzig hervorgetan haben, und – das muss als Witz gemeint sein –  Angestellte von RB Leipzig zum Wert von RB Leipzig Rede und Antwort stehen. Der letzte Clou findet sich allerdings ganz am Ende der Liste und hier wirft Prof. Meynhardt endgültig die letzten Reste seines Anspruchs über Bord: Die HHL diktiert sich ihre eigenen Ergebnisse ins Notizbuch. Wie gesagt: Eigentlich Wahnsinn.

Noch mal kurz zum Kapitalismus von seiner besten Seite und Nicht-Normativität. In der Studie liest sich das, wie folgt:

Der Public Value des RB Leipzig, S. 3

Endlich-sind-wir-wieder-wer-Rhetorik gepaart mit Erlösungsvorstellungen at its best, sagen wir nur. Haben wir schon oft drüber geschrieben, müssen wir nicht noch mal machen. Bemerkenswert ist jedoch, dass hier eine gesellschaftlich mit Ausgewogenheit und Distanz betraute Institution wie eine Hochschule Rhetorik politischen Entscheidungsträger reproduziert und dünn mit dem Anstrich von Wissenschaftlichkeit versieht. Das ist nicht nur wissenschaftlich höchst fragwürdig, sondern auch forschungsethisch problematisch. Wenn sich Forschungseinrichtungen vor den Karren von Publicitiy und wirtschaftlichen Erfolgsgeschichten spannen lassen, ist es mit deren Unabhängigkeit nicht mehr weit her.

[Dazu, dass RB Leipzig selbst Auftraggeber der “Studie” sein soll, wie es einzelne Rufer bei Twitter suggerieren, haben wir noch nichts Belastbares gefunden. Würde uns aber bei der offenbaren nicht nur räumlichen Nähe von HHL und RB Leipzig, der “Expertenauswahl” und der augenscheinlichen Programmatik der “Studie” auch nicht mehr überraschen.]

3 Gedanken zu „Gekaufte Wissenschaft“

  1. Schöner Beitrag; vielen Dank dafür! 🙂

    Frei zitiert nach Thomas Fischer: Da geht dem seriösen Wissenschaftler das Klappmesser in der Tasche auf! Ein nettes Detail am Rande ist auch der in “Capitalism at it`s best” enthaltene Rechtschreibfehler. Da kann jemand wohl nicht mit seinen eigenen Buzzwords umgehen.

  2. Gekaufte Wissenschaft hin oder her. Aber die Autoren hätten ihre Studie ordentlich lektorieren lassen sollen. Wenn man schon Anglizismen verwendet und sich damit für total innovativ und modern hält, sollte man sie korrekt verwenden. “Capitalism at it’s best” ist falsch. Das Apostroph gehört da nicht hin und wäre von einem strengen Prüfer bemängelt worden.

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